Englisch lehren in Rio de Janeiro – Interview mit Ute Heinzel

ByAffordable Volunteer Abroad

Englisch lehren in Rio de Janeiro – Interview mit Ute Heinzel

Ute Heinzel aus Deutschland geht nach Brasilien, sie will Englisch lehren in Rio de Janeiro. Bei einem Besuch in Belo Horizonte lernt sie das Land ihrer Kindheit mit neuen Augen zu sehen, und entschließt sich spontan, ihrem Leben als Marketingfrau im schicken London für ein Jahr den Rücken zu kehren, um den Ärmsten der Armen in den Favelas etwas zu geben, ihnen Englisch beizubringen. Zu Beginn ist ihr Portugiesisch noch holprig und sie muss sich erst noch daran gewöhnen, im Land ihrer Kindheit als “Gringa” angesehen zu werden.

Jeden Morgen muss sie kurz nach sechs aufstehen, um den Bus noch rechtzeitig zu bekommen, der sich dann durch den morgendlichen Stau in der Avenida Brasil bis zum Elendsviertel Batan quält. Doch schnell lernt Ute die Menschen aus der Favela kennen, schließt Freundschaften, bringt ihre Schüler auf Trab. Auch das Leben in dem Hostel, wo sie als Volunteer untergebracht ist, schätzt sie sehr.

Die gemeinsamen Plauderstunden mit den anderen Freiwilligen, Ausflüge und Grillparties, auf die der Koordenator des Projekts Felipe einlädt, machen sie die einfachen Bedingungen im Dorm des Hostels schnell vergessen. Schließlich lebt man Rio de Janeiro mehr draußen. Am Ende, ganz gegen ihre ursprünlichen Vorsätze, trifft sie auf eine Liebe, beginnt auf gemeinsamen Ausflügen, Rio durch die Augen eines Brasilianers zu sehen.

Was hat dich dazu inspiriert, im Ausland zu arbeiten?

Brasilien war das Land meiner Kindheit, als mein Vater mich mit acht Jahren nach Rio gebracht hatte. Es dauerte 26 Jahre, bis ich wieder nach Brasilien zurückkehrte. Im Jahr 2014 ging ich nach Belo Horizonte, aber meine Ansichten über das Leben änderten sich bei diesem Besuch. Ich hatte in Berlin gelebt und lebe jetzt in London, also war ich an den Anblick von Obdachlosen und Armut gewöhnt, so dachte ich zumindest. Drogensüchtige und Obdachlose in Brasilien zu sehen, liess den Anblick der schlafenden Obdachlosen in London beinahe schon harmlos erscheinen. Da fühlte ich, wie sehr ich in meinem Leben Glück gehabt hatte, und das es Zeit war, meiner alten Heimat etwas zurückzugeben, und da beschloss ich, mich freiwillig zu melden.

Warum haben Sie sich für Iko Poran Association entschieden?

Nachdem ich meine Entscheidung getroffen hatte, freiwillig zu arbeiten, recherchierte ich und war überwältigt von den Möglichkeiten und Organisationen. Ich wollte eigentlich Häuser in der Favela bauen helfen, aber die spezielle Organisation, die das Programm angeboten hat, erlaubte den Freiwilligen, nur für die maximale Zeit von vier Wochen zu bleiben. Es war mir klar, dass ich bei meinem Arbeitgeber um ein Jahr unbezahlten Urlaub, also  Sabbatjahr, bitten würde,  und dass ich mindestens drei Monate bleiben möchte, und so suchte ich etwas anderes. Mir fiel ein, dass die Leute bei meiner Arbeit mir immerzu sagten, dass ich sie so gut trainierte, da dachte ich “Warum nicht Englisch unterrichten?”

Was gefiel dir am besten an Rio de Janeiro?

Teaching English in Rio Ute Heinzel

Beim Klettern auf dem Felsen von “Dois Irmãos” in Ipanema

Rio de Janeiro ist eine wunderschöne Stadt, einer der schönsten Orte der Welt. Trotz der Tatsache, dass mehr als sechs Millionen Menschen dort leben, ergibt es sich ganz natürlich, dass du immer wieder die gleichen Leute triffst: an der Bushaltestelle, in den vielen Botecos (Kneipen), und am Strand. Ich liebte die Vielfalt in der Stadt und wie gross das Spektrum war. Ich hatte nie wirklich Angst und fühlte mich in der Zeit ziemlich sicher. Denke einfach daran, dich immer so einfach wie möglich zu kleiden, um unnötige Aufmerksamkeit zu vermeiden. Ich werde wohl immer als Gringa (Ausländerin) angesehen werden, denn meine Haut wird in der Sonne nie dunkel genug und natürlich ist auch mein Portugiesisch noch zu holprig, aber ich habe erlebt, dass wenn du den Eindruck vermittelst, alles unter Kontrolle zu haben,  die Leute cool mit dir sind und dich in Ruhe lassen.

Was hat das Projekt für dich so einzigartig gemacht?

Das Programm an sich ist sicherlich nicht einzigartig, denn das Unterrichten von Englisch für benachteiligte Menschen in Favelas ist etwas, das jede Organisation anbietet. Was es für mich einzigartig machte, war, dass Felipe, der Manager von Iko Poran, sich immer um alles kümmerte:  Von der Abholen der freiwilligen Helfer vom Flughafen, wie er sie zu ihren Einsatzplätzen fuhr, er ging sogar aus mit uns auf ein paar gemeinsame Drinks und organisierte spontane Grillparties, er war immer bereit, sich mit uns zu treffen und Erfahrungen auszutauschen. Seine Lebenserfahrung hatte einen Riesenvorteil, ich sah, wie souverän er mit den Dingen umging und ich fühlte mich während meines dreimonatigen Aufenthalts in Rio in wirklich guten Händen.

Wie haben die Mitarbeiter vor dich in deiner Arbeit unterstützt?

Ich habe bereits Felipe erwähnt, wie er “Wunder wirkt”. Das Personal vor Ort in der Herberge, in der die Freiwilligen untergebracht waren, war absolut fantastisch. Ich kann ehrlich sagen, dass ich Freunde fürs Leben an diesem Ort gefunden habe. Diese Leute waren meine Portugiesischlehrer, sie halfen mir, in der Stadt herumzukommen, sie plauderten mit mir, wenn mir langweilig war, und waren zärtlich zu mir, wenn ich traurig war. Nicht zu vergessen die Partys, zu denen sie uns alle gebracht haben. Es war ihnen zu verdanken, dass es mich kein wenig störte volle drei Monate einen gemeinsamen Schlafraum mit drei anderen zu teilen.

Dann gab es die lokalen Mitarbeiter der “NGO Tatiane Lima”, wo ich unterrichtete: Eliane, Luciano, Jaqueline und Dayane. Diese Leute waren einfach unglaublich. Sie begrüßten mich mit offenen Armen und offenen Herzen und unterstützten mich bei allem, was ich tun wollte. Sie organisierten Feldtage für mich und sorgten dafür, dass ich genug Portugiesisch sprach. Es war so ein Vergnügen mit ihnen zu arbeiten und ich vermisse sie sehr.

Was hättest du lieber anders gemacht?

Das ist schwer zu sagen, weil ich sehr zufrieden damit bin, wie es gelaufen ist. Ich dachte, ich hätte meine Energie vielleicht besser einteilen sollen, denn gegen Ende des Programms fühlte ich mich wirklich müde und erschöpft; Ich denke, das war aufgrund der Tatsache, dass ich am Anfang übermäßig euphorisch war und versuchte, jeden zu motivieren und sicherzustellen, dass alle glücklich und zufrieden waren. Am Ende musste ich leider feststellen, dass es ein paar Leute gibt, die einfach kein Englisch lernen wollen (obwohl sie immer zum Unterricht kommen), also muss man loslassen und akzeptieren, dass es bei ihnen nicht läuft.

Beschreibe einen typischen Tagesablauf während deines Programms.

Teaching English in Rio - Ute Heinzel at NGO Tatiane Lima

Meine “Familie” bei der NGO Tatiane Lima

An einem normalen Tag wachte ich um 6:15 Uhr auf (ja wirklich!), duschte, frühstückte und verließ dann die Herberge um 7:40 Uhr, um zur Bushaltestelle zu gehen. Ich fand nie heraus, wann und wie oft die Busse morgens fuhren, also nahm ich an alle 20 Minuten. Es war wichtig, einen bestimmten Bus um fünf, zehn oder 15 nach acht Uhr morgens zu nehmen, weil ich einen Bus später im Stau auf der Avenida Brasil stecken bleiben würde und zu spät zum Unterricht käme, der um 9.30 Uhr beginnen sollte. Es passierte es mir trotzdem leider ein paar mal, dass ich zu spät kam.

Ich kam gewöhnlich gegen 9 Uhr in Batan an und ging dann in die Bäckerei, um vor dem Unterricht einen Kaffee zu trinken. Die Bäckerei in Batan war mein Lieblingsplatz, weil sie so zentral in der Favela lag; Man konnte immer sehen, wer kam oder ging, und traf viele Leute aus der Gemeinde. Danach ging ich ins Gemeindezentrum, druckte, wenn nötig, Handzettel aus und sagte meinen Schülern Hallo. Ich wartete immer bis etwa 9:40 Uhr, bevor ich mit dem Unterricht begann, denn aus Erfahrung gab es immer ein paar Nachzügler, egal wie oft ich ihnen einschärfte, dass sie pünktlich sein sollten.

Während des Unterrichts versuchte ich, meine Schüler so viel wie möglich zum Sprechen zu bringen, also gingen wir das Alphabet phonetisch durch, und versuchten nach dem Klang die Wörter zu finden, die mit A, B, C, usw. anfingen. Wenn der Unterricht um 11 Uhr beendet war, half ich manchmal Eliane, sauber zu machen, oder wenn sie meine Hilfe nicht brauchte, ging ich in einem Salon an der Hauptstraße, meine Nägel  machen, wo die Inhaberin Cintia mich bereits “adoptiert” hatte.  Danach würde ich schnell etwas essen, um dann um 13.00 Uhr meinen Nachmittagskurs zu beginnen, wo wir die gleichen Dinge machten wie am Morgen. Die Zusammensetzung meiner Klasse war dann anders, da wir Schüler hatten, die nur am Morgen kamen und andere nur am Nachmittag.

Dieser Kurs endete um 15 Uhr, und nach einem Ratsch mit Eliane und Luciano ging ich zur Bushaltestelle, um zum Hostel zurückzufahren. Dort gab es dann ausgelassene Gespräche, ein Abendessen und ein paar Biere, bis es Zeit war ins Bett zu gehen.

Was hast du am Liebsten in deiner Freizeit außerhalb des Klassenzimmers gemacht?

Sunset seen from the Hostel in Rio de Janeiro

Sonnenuntergang vom Hostel in Rio de Janeiro aus gesehen

So wie das Leben so spielt, passierte es tatsächlich, dass ich mich entgegen meinem festen Vorsatz in einen “Carioca” verliebte. Das machte meine Zeit in Rio zu einer noch viel kostbareren Erfahrung, da ich nun begann, Rio durch seine Augen zu sehen.  Wenn ich nicht gerade arbeitete, verbrachte ich viel Zeit mit ihm, um Rio zu erkunden, einfach nur spazieren zu gehen und “Bonzenhäuser” in der Zona Sul (die teuren Viertel in Strandnähe) anzuschauen oder zum Strand zu gehen. Ansonsten ging ich gerne ein auf paar Bier mit ihm, oder zum Essen. Da es das ganze Jahr über warm ist, bist du die meiste Zeit draußen. Alle Gebäude sind luftig und du bist nur zum schlafen drinnen.

Unser Hostel lag in Santa Teresa und nur zehn Minuten den Berg hinunter war Lapa, das berüchtigte Party-Viertel von Rio. Wenn wir also ausgehen wollten, konnten wir einfach den Hügel runter gehen und eine Party finden, die uns gefiel.

Würdest du anderen die Freiwilligenarbeit bei der Iko Poran Association empfehlen?

Wenn du in Rio de Janeiro ehrenamtlich arbeiten möchtest, würde ich Iko Poran als deine Wahl Nummer eins absolut empfehlen. Felipe ist ein großartiger Kerl mit viel positiver Energie und er wird sich bemühen, jeden Freiwilligen glücklich zu machen und eine gute Zeit zu haben. Ich arbeitet mit einem riesigen Netzwerk von NGOs in Rio und den Außenbezirken zusammen, so dass praktisch jeder ein Programm finden kann, mit er glücklich sein wird. Ich kann nur jedem raten, der sich freiwillig melden möchte, aber nicht das richtige Programm auf der Iko Poran Website findet, um ihm eine schnelle E-Mail mit den speziellen Wünschen zu geben, und ich bin mir sicher, dass er einen Weg finden wird, dies zu ermöglichen.

Wenn du wieder ins Ausland gehen könntest, wohin würdest du gehen?

Ich bin versucht zu sagen, dass ich nach Brasilien zurückgehen würde, weil die Leute so großartig sind und ich jetzt fühle, dass ich die Kultur besser verstehe und die Sprache spreche, so dass ich wahrscheinlich in der Lage wäre, meine Zeit noch besser zu nutzen und Resultate erzielen, als es diesen Sommer der Fall war. Wenn ich wieder freiwillig arbeiten würde, würde ich Häuser bauen oder in einer der Favelas arbeiten, um über HIV-Prävention und die Verwendung von Kondomen aufzuklären.

Über Ute Heinzel

Ute zog 2010 nach London, nachdem sie mehr als zehn Jahre in Berlin gelebt hatte. Sie hatte dort als Sportjournalistin gearbeitet, gab dann aber ihren Job auf, um nach Großbritannien zu ziehen, wo sie derzeit im Marketing arbeitet. Sie hat erst in den letzten fünf Jahren angefangen zu reisen, aber sie genießt es sehr und weiß im Augenblick noch nicht, wohin sie als nächstes gehen möchte.

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